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Zen (Chan) und Dzogchen

vor 11 Minuten
4 Min. Lesezeit

Bei meinen Recherchen zum Buddhismus und seiner Entwicklung fiel mir auf, dass Zen und Dzogchen in ihrem Ergebnis sehr nahe liegen. Beide suchen einen möglichst direkten Weg zu einer inneren Freiheit, welche in den Alltag getragen wird.


Folgend eine ganz kurze Erklärung der beiden Schulen, damit der Kontext des weiteren Beitrags verständlicher wird. Wer mehr über die Schulen wissen will kann gerne eine Suchmaschine anstrengen oder den Buchempfehlungen nachgehen.


Zen (chinesisch Chan)

Der Zen-Buddhismus nahm offiziell in China seinen Anfang und verbreitete sich später bis nach Japan. Der Kern der Lehre ist die Praxis selbst, das Zazen. Also Sitz- und Gehmeditation. Die erlangte Freiheit wird dann in den Alltag mitgenommen. Es gibt einige unterschiedliche Linien, aber grob lassen sich die Rinzai- und die Soto-Linie trennen. Aber auch das zugrundeliegende Chan ist bis heute erhalten geblieben.


Im Rinzai wird vermehrt mit Koans und Studium der Schriften gearbeitet, während dies im Soto praktisch eine Nebenrolle spielt. Bei beiden sind das rezitieren von Sutren, meist das Kesa Sutra und das Herz Sutra Bestandteil der Praxis. Im Chan liegt die Praxis des Sitzens und Wandbetrachtens (biguan) und das direkte Erleben noch stärker im Zentrum als im Soto-Zen.


Buchempfehlung Zen Dzogchen: Zen Geist, Anfänger Geist. von Shunryu Suzuki


Dzogchen

Dzogchen ist Bestandteil der Nyingma-Schule, welche durch Pdamasambhava, dem angeblich 2. Buddha, mit tantrischen Lehren von Indien nach Tibet gebracht wurde. Dzogchen ist Teil der "Ergebnis-Fahrzeuge". Also Lehren, welche "ergebnisorientiert" sind. Die Traditionen und Schulen vor Padmasambhava waren "Ursache-Fahrezuge". Also hatten den Fokus auf den Ursachen des Leidens und wie man davon weg kommt.


Was bedeutet denn "Ergebnis-Fahrzeug"? Im Dzogchen geht man davon aus, dass Buddhaschaft bereits erlangt ist. Der bewusste Geist selbst ist bereits Buddha. Buddhanatur war immer da und hat jedes Wesen schon immer begleitet. Dzogchen will also diese Wahrheit bewusst machen und soll mit diesem Wissen die Buddhaschaft im Alltag leben. Man geht also direkt zum "Ergebnis", welches in den Schulen der "Ursache-Fahrzeuge" gesucht und darauf hin praktiziert wird.


Buchempfehlung Dzogchen: Buddhaschaft ohne Meditation. von Dudjom Lingpa


Vergleich der Zen- und Dzogchen-Schule

Beide Traditionen gehören zu den sogenannten „plötzlichen“ (oder non-dualen) Lehren des Buddhismus, und ihre Beschreibungen des bereits erwachten Geistes ähneln sich bis zur Ununterscheidbarkeit.


Und doch gibt es fundamentale Unterschiede im Weg zu dem angestrebten „Ergebnis“. Man könnte sagen:


Beide zeigen auf den Gipfel des einen Berges, aber es gibt unterschiedliche Wege dorthin. Die tiefe Gemeinsamkeit ist der non-duale Kern. Beide lehren, dass die wahre Natur des Geistes bereits vollkommen und ungetrübt ist und dass Befreiung nicht darin besteht, etwas Neues zu erlangen, sondern die bereits vorhandene Wirklichkeit direkt zu erkennen.


Beide lehren:

  • Direkte Einsicht: Sowohl Zen als auch Dzogchen zielen auf eine direkte, unmittelbare Erfahrung der Natur des Geistes ab, die jenseits von Konzepten und Worten liegt.

  • „Nicht-Meditation“: Dzogchen lehrt, dass es letztlich keinen Unterschied zwischen Meditation und Nicht-Meditation gibt – man verweilt einfach in der natürlichen Präsenz. Dies ähnelt sehr dem Zen, insbesondere der Soto-Tradition des Shikantaza („Einfach-Sitzen“), das ebenfalls ein absichtsloses, nicht-manipulatives Verweilen ist.

  • Buddha-Natur: Beide gehen davon aus, dass alle Wesen von Anfang an Buddha sind. Ein berühmtes Zitat aus dem Zen (Hui Neng) lautet: „Von Anfang an sind alle Wesen Buddha“, und Dzogchen sagt: „Die Natur des Geistes ist von Anfang an Buddha“.


Die entscheidenden Unterschiede: Sutra vs. Tantra

Die Sutras entsprechen den Ursache-Fahrzeug-Lehren, die Tantras den Ergebnis-Fahrzeug-Lehren. Mit den Sutras wird auf die Buddhaschaft hin gearbeitet, mit den Tantras wird direkt von Buddhaschaft ausgegangen und gelebt. Das sind im Prinzip die Unterschiedlichen Wege.


  • Die Grundlage: Historisch gesehen ist Zen (Chan) eine Tradition, die im Dialog mit den Sutren steht (insbesondere den Prajñāpāramitā-Sutren über die Leerheit zu denen auch das Herz Sutra gehört). Dzogchen hingegen ist tief im Tantra verwurzelt und wird im Nyingma-System als das höchste der inneren Tantras (Atiyoga) klassifiziert. Das bedeutet, Dzogchen nutzt tantrische Methoden und Sichtweisen, die im klassischen Zen nicht zu finden sind.

  • Die Praxis: Thögal vs. Kensho: Der vielleicht größte praktische Unterschied ist das Thögal („Direkter Durchbruch“). Diese Praxis, die mit Lichtvisionen, speziellen Körperhaltungen und dem Erzeugen eines „Regenbogenkörpers“ beim Tod verbunden ist, ist ein Alleinstellungsmerkmal des Dzogchen und existiert im Zen nicht. Zen kennt stattdessen Kensho („Erschauen der eigenen Natur“) und Satori (Erwachen), die oft als plötzliche, aber vorübergehende Durchbrüche beschrieben werden, die durch Koans (rätselhafte Gedichte) oder Shikantaza (einfach Sitzen) ausgelöst werden.

  • Die Rolle der Übertragung:  Obwohl beide Traditionen die Bedeutung eines Lehrers betonen, ist die „Zeige-Instruktion“ (pointing-out instruction) im Dzogchen von zentraler Bedeutung. Der Meister führt den Schüler direkt in die Natur des Geistes (Rigpa) ein. Im Zen (besonders Soto) gibt es keine vergleichbar formalisierte, direkte „Einführung“ in diesem spezifischen Sinne; die Verwirklichung reift oft eher durch die beständige Praxis des Sitzens.


Gibt es eine historische Verwandtschaft?

Die Ähnlichkeiten sind kein Zufall. Historisch gab es im 8. und 9. Jahrhundert in Tibet eine Phase der Begegnung zwischen dem chinesischen Chan (der Wurzel des Zen) und frühen Dzogchen-Lehren. Es ist gut dokumentiert, dass es einen gewissen Einfluss zwischen beiden gab. Spätere tibetische Gelehrte, insbesondere aus der Gelug-Schule, versuchten sogar, Dzogchen zu diskreditieren, indem sie es als bloße Kopie des chinesischen Chan („Chinesisches Dharma“) bezeichneten – ein Vorwurf, der die Nähe der beiden Systeme indirekt bestätigt.


Zen, Chan und Dzogchen sind also so etwas wie nahe Geschwister in der Familie der buddhistischen Schulen.


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